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Unabhängige Aufarbeitung von Missbrauchsfällen

Bericht der unabhängigen Expertenkommission

Nach knapp zwei Jahren Arbeit hat die unabhängige Expertenkommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Gebiet der ehemaligen Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, heute Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Nordkirche) am 3. Oktober 2014 ihren Schlussbericht vorgelegt, den die Nordkirche hiermit veröffentlicht.

Anlass für den Auftrag der Nordkirche an die unabhängige Expertenkommission waren zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Kirchengemeinde Ahrensburg in den siebziger und achtziger Jahren, die im Jahr 2010 bekannt wurden. Darüber hinaus wurden auch Fälle aus der jüngeren Vergangenheit beleuchtet.

Mit dem Auftrag an die Untersuchungskommission hatte die Nordkirche auch ein Verfahren für individuelle Unterstützungsleistungen zugunsten von Missbrauchsopfern in Anerkennung ihres Leides und in Verantwortung für die Verfehlungen der Institution beschlossen.

Wichtiges Dokument mit Hinweisen für Präventions- und Interventionsarbeit

Der Bericht ist für die Kirche und ihre Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein wichtiges Dokument. Er enthält auf 500 Seiten viele nützliche Hinweise für die Präventions- und Interventionsarbeit.

Die Nordkirche dankt den Betroffenen, die mit ihrer Gesprächsbereitschaft die Voraussetzung dafür geschaffen haben, dass der Bericht erstellt werden konnte. Sie hat große Hochachtung vor der Belastung, der sich Betroffene immer wieder ausgesetzt haben, um ihre leidvollen Erfahrungen mitzuteilen. Ebenso zeigt sie Respekt für die Entscheidung derjenigen, denen dies nicht möglich war. Die Nordkirche bleibt für sie und für das von ihnen bislang Unausgesprochene offen und steht für Gespräche und Begleitung zur Verfügung.

Diesen Bericht zu lesen, beschämt, löst Trauer und Zorn aus. Zugleich ermöglichen die sorgfältigen juristischen Analysen als auch die eindrückliche Schilderung der psychosozialen Dynamiken, die durch Grenzverletzungen bis hin zu massiver sexueller Gewalt ausgelöst wurden, sehr tiefgehende Einsichten.

Nordkirche zieht unmittelbar Konsequenzen

Die Nordkirche hat den Fachleuten großen Respekt und Dank für ihre Arbeit ausgesprochen. Die Anregungen werden nicht nur die bereits bestehende Präventions- und Interventionsarbeit verbessern helfen, sondern auch zu ergänzenden neuen Maßnahmen führen.

Die Nordkirche zieht unmittelbar Konsequenzen aus dem Bericht. Die Erste Kirchenleitung der Nordkirche hat auf Basis der wesentlichen Empfehlungen der unabhängigen Experten kirchliche Fachstellen um die Erarbeitung von Konzepten und die Einleitung bereits vorbereiteter Maßnahmen gebeten. Dazu wurde ein vorläufiger Zehn-Punkte-Plan aufgestellt.

Nordkirche stellt vorläufigen Zehn-Punkte-Plan auf

Umgehend wird ein fachlich qualifiziertes, kirchliches Beschwerdemanagement eingerichtet, das eine bereits im Aufbau befindliche externe Ombudsstelle ergänzen soll. Neben einer zentralen Meldestelle soll zudem auch ein nordkirchenweit agierendes Kriseninterventionsteam aus erfahrenen Fachkräften zum Einsatz kommen, um vor Ort die Soforthilfe für Betroffene und Verantwortliche zu übernehmen. Die seit 2013 bestehende Koordinierungsstelle der Nordkirche soll – orientiert an Empfehlungen der unabhängigen Kommission – die Aufgaben einer „Arbeitsstelle gegen sexualisierte Gewalt“ in ihr Konzept aufnehmen. So sollen Experten mit psychosozialer Fachkompetenz die akute Krisenintervention sowie die Unterstützung Betroffener und Verantwortlicher fachlich absichern. Darüber hinaus strebt die Erste Kirchenleitung der Nordkirche langfristig strukturelle Veränderungen an, die die Mitwirkung mehrerer kirchlicher Gremien bis hin zur Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) voraussetzt.

Ziel all der Maßnahmen ist es, in der Nordkirche das Bewusstsein für eine „Kultur der grenzachtenden Kommunikation und Klarheit“ durch Fortbildungen und weitere Maßnahmen zu schärfen. Die Nordkirche nimmt verstärkt die Perspektive der Betroffenen wahr, um den Opferschutz zu stärken.

Außerdem ist vorgesehen, dass die Nordkirche in einen Entscheidungsprozess eintritt, der die Verankerung des Kinder- und Jugendschutzes nach der UN-Kinderrechtskonvention in ihren Gesetzen zum Ziel hat.

Der von der Nordkirche aufgestellte vorläufiger Zehn-Punkte-Plan kann hier als PDF heruntergeladen werden:

Vorläufiger Zehn-Punkte-Plan der Nordkirche (PDF)

Kultur der grenzachtenden Kommunikation und Klarheit auf allen Ebenen

Wer diesen Bericht liest, wird sehr viel aufmerksamer werden und begreifen, wie viele Nuancen von sexuellen Grenzverletzungen es gibt, lange bevor es zu sexualisierter Gewaltanwendung kommt. Deshalb ist die Lektüre des Berichts insbesondere denjenigen zu empfehlen, die innerhalb und außerhalb der Kirche haupt- und ehrenamtlich eng mit Kindern und Jugendlichen arbeiten oder für diese Arbeitsbereiche verantwortlich sind. Ziel ist es, die Kultur der grenzachtenden Kommunikation und Klarheit auf allen Ebenen der Nordkirche, der Kirchenkreise und Gemeinden weiter zu verstärken.

14. Oktober 2014

Kirsten Fehrs
Bischöfin der Nordkirche im Sprengel Hamburg und Lübeck

Gerhard Ulrich
Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche)